Cristina Schaaf Gestalttherapeutin Lebensberatung - Coaching - Supervision
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Artikel

Die Schichten der Neurose

der therapeutische Blickwinkel von Fritz Perls

 

Artikel von Paulina Ramírez,

veröffentlicht am 10.11.2014  bei „QUALIA – Psicología y salud emocional“ www.gestaltgranada.es

 

Was sind Neurosen?

 

„In meinem blog „Die Neurose als Vermeidung und als Störung des Wachstums in der Gestalt-Therapie“ beziehe ich mich auf die Neurose-Definition von Fritz Perls: Neurose ist das Symptom eines unvollständigen Reifungsprozesses.

 

Der Reifungsprozess erfolgt während des Übergangs von der Unterstützung durch die Umwelt – eine Unterstützung, die wir alle in der ersten Zeit benötigen – zur Selbstunterstützung. Perls Neurosekonzept steht in einem engeren Zusammenhang zu der Erziehung, als zu der Medizin. Es richtet sich nach der Wegstrecke zum Impasse: dies ist eine Stelle, an der es keine Fremdunterstützung mehr gibt, und an der die Selbstunterstützung noch nicht entwickelt ist.

 

Es ist diese Stelle, die wir im allgemeinen meiden, in dem wir uns an die Fremdunterstützung klammern, wie Kinder an den Rockzipfel der Mutter. Wir halten uns nicht für fähig, die nötige Selbstunterstützung zu erzeugen und wir phantasieren, uns würde etwas Schreckliches widerfahren, wenn wir versuchten, Eigenverantwortung für unser Leben zu übernehmen.

 

Schichten/Strati der Neurose nach F. Perls

 

In einer vollständigeren Betrachtung ihrer Struktur teilte Fritz Perls die Neurose in fünf Schichten ein, die von der Oberfläche zum Inneren hinführen; die Schichten, die ein Mensch durchquert, wenn er zu reflektieren beginnt und sich seiner neurotischen Mechanismen bewusst wird.

 

Die erste Schicht ist die Schicht der Klischees. Es ist die oberflächlichste Schicht und hier befinden sich die festgelegten, guten Umgangsformen. So führen wir tagtäglich Gespräche, bei denen weder etwas gesagt, noch etwas gehört wird, bei denen wir uns nicht in die Augen schauen, nicht miteinander in Kontakt treten. Es ist der mechanischste, automatischste und kälteste Stratus.

 

Die zweite Schicht ist die Eric Bernes oder Sigmund Freuds: hier werden die Rollen aufgeführt und gespielt. In dieser Schicht befindet sich die Figur, die Person, die wir anderen vorstellen: der Raufbold, das gute Kind, die Verführerin usw. Diese Rollen sind ein Manipulationsmittel, um das zu erlangen, was wir von unserer Umwelt haben wollen. Perls sagt, dass diese Rollen oberflächliche, soziale Strategien sind, um eine Verbindung herzustellen. Klischees und Rollen bilden die Schicht des „als ob“. Das heißt, ich gehe durchs Leben, als wäre ich beispielsweise eine selbstsichere Person, und ich besitze dabei einen enormen Fundus an vielen erlernten und unbewussten Strategien, damit weder die Anderen, noch ich selber, meine Unsicherheit und meine Verletzlichkeit bemerken.

 

Wenn jemand in der Lage ist, die Rollen und die „als ob-s“ hinter sich zu lassen, steht er vor der dritten Schicht der Neurose: dem Impasse (Engpass). Hier wird die Nicht-Existenz erlebt, da wir, wenn wir unsere Rollen beiseite schieben, nicht mehr wissen, wer wir eigentlich sind. Hier entstehen im allgemeinen die Krisen, da das Rollenverhalten zwar nichts mehr nützt, nicht mehr bequem ist, kein Wohlbehagen mehr bietet, wir dennoch „ohne es“ nicht leben können. Wir bewegen uns im Niemandsland. Es ist genau an dieser Stelle – wünschenswert wäre es schon früher – an der die therapeutische Begleitung meines Erachtens am aller notwendigsten ist. Es ist nämlich unumgänglich, dass wir hier Vertrauen darauf entwickeln, dass wir uns selber halten können. Hierfür ist es jedoch notwendig, dass wir uns an jemanden stützen können, der uns zu vertrauen lehrt.

 

Nach dem Impasse taucht die vierte Schicht auf: der Tod oder die Implosion. Ziel hierbei ist, im richtigen Kontakt mit dem „Toten“ in uns zu kommen, was eine Explosion zur Konsequenz hat, die fünfte und letzte Schicht der Neurose. Hier kehrt der Tod ins Leben zurück durch das Erleben und das Ausdrücken der echten, ureigenen Emotionen. Wenn wir in Kontakt mit dem Abgestorbenen in uns kommen, mit dem Unbewohnten in uns, erkennen wir das, was wir unser Leben lang unterdrückt und versteckt haben, da wir es abgelehnt hatten. Wer sich beispielsweise immer als einen korrekten, ernsten, anspruchsvollen Menschen gesehen und seine Ungeschicklichkeiten unterdrückt hat, wird in dem Moment, in dem er sie erblickt, seine „totgestellte“ Ungeschicklichkeit beleben, und so ist es oft nicht verwunderlich, dass dieser Mensch, nach dem ersten großen Schock, in Wut oder Tränen ausbricht.

 

Meine persönliche und berufliche Erfahrung hat mir gezeigt, dass so eine Explosion eher befreiend als zerstörerisch ist. Wenn wir sie durchleben, erfahren wir jenes echte Wohlbefinden, das wir immer wieder aus unserer Neurose heraus suchen, ohne zu bemerken, dass einzig und allein wir selber verantwortlich für unser emotionales Wohlergehen sind.“

 

Literaturhinweis:

De Casso, P. (2003) „Gestalt, Terapia de la Autenticidad“ Barcelona: Kairós.

 

Paulina Ramírez ist auf Gestalttherapie spezialisierte Psychologin, Mitglied der Asociación Espanola de Terapia Gestalt und Mitglied des therapeutischen Teams bei „Qualia-Psicologia y Salud emocional“,Therapeutisches Theater und Integrative Psychologie.

 

Übersetzung und Veröffentlichung in deutscher Sprache mit freundlicher Genehmigung von Paulina Ramírez.

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Cristina Schaaf 

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